Schimmel: Wer ist wirklich schuld?

by Aug. 30, 2026

Kurz gesagt: In Österreich hat jeder zehnte Haushalt Schimmel, bei Familien mit Kindern ist es fast jeder fünfte. Trotzdem spricht kaum jemand darüber – Schimmel gilt als Zeichen von mangelnder Hygiene. Das ist er meistens nicht: Schimmel wächst, wo eine Oberfläche dauerhaft zu feucht ist, und das ist eine bauphysikalische Frage. Der Vorwurf „Sie lüften falsch“ trifft nach unserer Erfahrung in höchstens einem von fünf Fällen allein zu. Und solange über Schuld gestritten wird, geht der Schimmel nicht weg.

Es gibt Anrufe, die beginnen mit einer Entschuldigung. „Bei uns ist eigentlich immer alles sauber, aber …“

Diesen Satz hören wir oft. Er sagt mehr über das Thema aus als jedes Messgerät: Wer Schimmel entdeckt, denkt zuerst, er habe etwas falsch gemacht.

Wie viele es wirklich sind

In Österreich ist derzeit jeder zehnte Haushalt von Schimmel betroffen. Bei Haushalten mit Kindern sind es 18 Prozent – fast jede fünfte Familie. Das ergab eine Befragung von immowelt.at aus dem November 2023 unter 502 Personen.

Betroffen sind vor allem das Bad (39 Prozent) und das Schlafzimmer (35 Prozent), dahinter Keller und Küche mit je 22 Prozent.

In einer Wohnanlage mit zwanzig Familien haben also rechnerisch drei bis vier dasselbe Problem. Erzählen wird davon keine.

Kinderbett mit abgenommener Matratze, dahinter Schimmelbefall an der Wand
Ein Kinderbett, für die Untersuchung abgerückt – dahinter der Befall.

Warum das Schweigen teuer ist

Scham ist ein schlechter Ratgeber bei einem Schaden, der wächst.

Und der Schaden bleibt nicht an der Wand. Wo Schimmel wächst und gedeiht, riecht die Wohnung, und irgendwann hat auch die Kleidung einen muffigen Geruch. Manche Kinder wollen dann nicht mehr in den Bus und in die Schule, weil sie fürchten, verspottet zu werden. Manche Familien trauen sich seit Monaten nicht mehr, jemanden einzuladen.

Schimmelbewuchs auf dem Ärmelaufschlag eines weinroten Mantels, gehalten von einer Hand
Schimmel bleibt nicht immer an der Wand. Bewuchs auf einem Mantelärmel – die Jacke hing in einem Schrank an der Außenwand.

Wer nicht darüber spricht, fragt auch niemanden. Er greift zum Reiniger aus dem Supermarkt, zum giftigen Schimmelspray aus dem Baumarkt oder zum Chlorreiniger, streicht darüber und hofft. Und weil die Ursache nicht behoben wurde, kommt der Befall wieder – meist an derselben Stelle, spätestens im nächsten Winter.

In der Zwischenzeit dringt die Feuchtigkeit tiefer ins Bauteil. Aus einer kleinen Stelle, die man an einem Vormittag selbst fachgerecht hätte sanieren können, wird eine Fläche, die man professionell behandeln und abschleifen muss. Und wo eine Gipskartonwand betroffen ist, muss die Platte heraus.

Das Schweigen kostet also nicht nur Nerven, sondern auch Geld.

Der Satz, der fast immer fällt

Besonders im mehrgeschossigen Wohnbau gibt es eine Standarderklärung. Sie fällt in Mietwohnungen ebenso wie in Eigentumswohnungen, und sie kommt von der Vermieterseite oder von der Hausverwaltung: „Sie lüften falsch.“

Nach unserer Erfahrung wird die Schuld dort nahezu ausnahmslos den Bewohnern zugeschrieben.

So sieht es in unseren Fällen tatsächlich aus:

  • Höchstens 20 Prozent: falsches Lüften ist allein die Ursache.
  • Rund 30 Prozent: reine Baumängel oder immer öfter auch Planungsmängel. Am Lüftungsverhalten gibt es nichts zu verbessern.
  • Der Rest, also etwa die Hälfte: eine Kombination aus baulichen Schwachstellen und einem Lüftungsverhalten, an dem sich etwas verbessern lässt.

In vier von fünf Fällen ist der Vorwurf damit nicht die ganze Wahrheit. In fast jedem dritten ist er schlicht falsch.

Das ist keine Entlastung um jeden Preis. In etwa der Hälfte der Fälle lässt sich am Lüften tatsächlich etwas verbessern – nur eben nicht nur daran. Wer allein das Verhalten ändert, während eine Wärmebrücke unverändert bleibt, kann die Situation zwar verbessern, aber nicht endgültig lösen.

Daneben gibt es Fälle, die in keine dieser Gruppen passen: ein Wasserschaden etwa, oder eine Wohnung, in der sich gar nicht richtig heizen oder lüften lässt. Die behandeln wir hier nicht – die haben einen eigenen Beitrag verdient.

Warum Schimmel nichts mit Sauberkeit zu tun hat

Schimmelsporen sind in jeder Wohnung. Sie sind in der Luft, an der Kleidung, im Staub. Sie lassen sich nicht wegputzen, und das ist auch nicht nötig – sie schaden nicht, solange sie nicht wachsen.

Wachsen können sie erst, wenn eine Oberfläche dauerhaft zu feucht ist. Die Schwelle liegt bei rund 80 Prozent relativer Feuchte an der Oberfläche – geregelt in der ÖNORM B 8110-2. Nicht in der Raumluft, sondern direkt an der Wand.

Und ob eine Wand diese Feuchte erreicht, hängt an ihrer Temperatur. Ein kaltes Getränkeglas beschlägt im Sommer, weil die Luft daran abkühlt. An einer kalten Wand geschieht dasselbe, nur unsichtbar. Obwohl im Raum der Wassergehalt der Luft gleich bleibt, steigt die relative Feuchte an der Oberfläche. Für Schimmel genügen 80 Prozent – Tropfen wie am Glas braucht es nicht. Solche Stellen entstehen dort, wo die Dämmung schwächer oder unterbrochen ist: an Fensteranschlüssen, in Raumecken, in Nischen und Erkern, an Sockeln, an erdanliegenden Wänden.

Diese Stellen heißen Wärmebrücken. Sie sind ein Ergebnis von Planung und Ausführung – nicht von Hygiene. Man kann eine Wohnung täglich putzen und trotzdem Schimmel bekommen. Und man kann nachlässig sein und keinen bekommen, weil die Hülle in Ordnung ist.

Der Befall selbst hat mit hoher Wahrscheinlichkeit gesundheitliche Folgen. Eine Auswertung des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik aus 170 Studien kommt auf ein um 40 Prozent erhöhtes Asthmarisiko in schimmelbelasteten Wohnungen. Das ist der Grund, warum die Sache nicht warten sollte – nicht der Anblick.

Die Schuldfrage hat noch keinen Schimmel beseitigt

Hier liegt das eigentliche Problem, und es ist kein bauphysikalisches.

Der Fall, in dem beide Seiten das Problem gemeinsam lösen wollen, kommt in unserer Praxis sehr selten vor. Fast immer geht es um Schuldzuweisungen. Die eine Seite will nichts zahlen, die andere will nicht nachgeben. Am Schimmel, der dazwischen steht, ändert sich in der Zwischenzeit nichts; er wird höchstens größer.

Das ist schade, denn viele dieser Fälle wären gemeinsam leicht zu lösen.

Sehen Sie sich die Verteilung oben noch einmal an. In etwa der Hälfte der Fälle wirken zwei Dinge zusammen: eine bauliche Schwachstelle und ein Lüftungsverhalten, an dem sich etwas verbessern lässt. Wird nur eines davon angegangen, bleibt der Schimmel.

Zusammen ist die Sache oft in wenigen Schritten erledigt.

Was den Weg dorthin verstellt, ist nicht die Technik. Oft ist es die Reihenfolge: Erst wird gestritten und Schuldzuweisungen werden in den Raum gestellt. Erst später, wenn die Fronten verhärtet sind, wird gemessen. Umgekehrt käme es beiden Seiten billiger.

Was stattdessen hilft

Die brauchbare Frage lautet nicht „Wer ist schuld?“, sondern „Woher kommt die Feuchtigkeit?“. Erst wenn das feststeht, lässt sich sagen, was zu tun ist. Und dann klärt sich meistens auch, wer was tut und wer was bezahlt.

Das lässt sich nicht durch Hinsehen beantworten. Wir messen: Oberflächentemperaturen mit der Wärmebildkamera, den Feuchteverlauf über Tage und Wochen mit Datenloggern, die Dichtheit der Hülle mit dem Blower-Door-Test. Wir ermitteln das tatsächliche Ausmaß des Befalls mittels Bauforensik und nehmen Proben. Erst diese Daten unterscheiden eine Wärmebrücke von einem Lüftungsproblem – und halten stand, wenn jemand widerspricht.

Eine Momentaufnahme leistet das nicht. Ein einzelner Messwert an einem einzelnen Tag sagt nichts aus. Genau daraus entstehen aber oft „Gutachten“, in denen am Ende die Bewohner schuld sind.


Sie haben Schimmel und hören seit Monaten, dass Sie anders lüften müssen? Wenn Sie die Ursache des Problems finden wollen, ist Messen der beste Weg.

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Brigitte Tassenbacher – allgemein beeidete und gerichtlich zertifizierte Sachverständige, Mikrobiologin und zertifizierte Schimmel-Expertin.

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